Wenn wir komplexe Vorgänge wie die in unserem Körper oder in unserer Psyche erklären dürfen, müssen wir immer eine Vereinfachung vornehmen, damit es verständlich und nachvollziehbar bleibt. Eine solche Vereinfachung führt manchmal zu Missverständnissen. Wie zu den folgenden:
Regulation ist «nur» Ruhe
Regulation bedeutet nicht, immer ruhig und gelassen zu sein. Sondern, dass wir mit der passenden Energie flexibel auf eine Situation reagieren können. Landen wir bei einer Erkundungstour in einem dunklen Ecken einer Stadt und hören dort merkwürdige Geräusche, macht es Sinn, dass unser Nervensystem in den Alarmmodus geht und uns für eine mögliche rasche Flucht mobilisiert. Eine gesunde Regulation zeigt sich in diesem Beispiel, dass die Mobilisierung von Energie wieder sinkt, wenn die Gefahr vorüber ist. Unser Nervensystem also auch Signale der Sicherheit erkennt und passend zur Situation reagiert.
Die richtige Übung wirkt
In den Sozialen Medien haben wir nicht viel Raum, um komplexe Zusammenhänge zu erklären. Deshalb scheint es oft, als würden wir mit der EINEN richtigen Übung unser Nervensystem regulieren. Die Arbeit des Autonomen Nervensystems ist aber eben autonom. Sie ist nicht so leicht zu beeinflussen, wie wir uns das wünschten.
Alle hilfreichen Übungen sind lediglich eine Einladung an unser Nervensystem und sie unterstützen uns dabei, unser Stresstoleranzfenster bei regelmässiger Anwendung zu vergrössern. Das heisst, unser Nervensystem muss die Übungen erst als vertraut und sicher einschätzen. Es muss «trainiert» werden, ein bisschen so wie Muskeln für einen Sportwettkampf trainiert werden. Funktioniert eine Übung in einer Situation nicht, bedeutet das nicht, dass die Übung an sich wirkungslos ist. Vielleicht ist es einfach nicht die passende Übung für dich. Oder die Bedrohung einer Situation ist gerade viel zu gross für unseren Körper, so dass der Fokus (sinnvollerweise) auf Überleben bleibt.
Kein Quick-fix
Schmerzen und unangenehme Erfahrungen meiden wir als Menschen lieber. Wir wollen Unangenehmes so schnell wie möglich auflösen oder loswerden. Verständlich. Nervensystemregulation eignet sich aber dafür nicht. Denn:
- Regulation lässt uns Dinge, die nicht in Ordnung sind, nicht einfach gelassen hinnehmen. Das wäre Unterdrückung oder Bypassing.
- Mit Regulation erlangen wir keine Kontrolle, sondern schaffen Raum für das, was gerade da ist. Auch für Schwieriges.
- Mit Regulation sind wir nicht immer gut gelaunt. Wir kommen auch mit vielem in Berührung, was wir lieber zur Seite schieben würden.
- Regulation macht uns nicht dumpf, sondern lebendiger - mit angenehmen und schwierigen Gefühlen gleichzeitig.
Mit Nervensystemregulation unterstützen wir unsere Stresstoleranz dabei, mehr Raum für alles, was da ist, zu schaffen. Es zu halten, zu fühlen, im Körper zu spüren und dann darauf stimmig zu antworten. Kein Quick-fix, aber ein unglaublich wertvoller Prozess.
